Blutbilder lesen – Laborwerte verstehen

Blutbilder

Blutbilder lesen und Laborwerte verstehen

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder ratlose Gesichter, wenn es um Laborergebnisse geht – ja klar, da ist was markiert, aber was heißt das konkret? Ein Blutbild gehört zu den am häufigsten durchgeführten Untersuchungen, doch die kryptischen Abkürzungen und Referenzwerte werfen oft mehr Fragen auf, als sie beantworten.

In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du dein Blutbild richtig liest, welche Werte wirklich zählen und was Abweichungen bedeuten können.

Warum ein Blutbild mehr ist als nur Zahlen

Laborwerte sind Momentaufnahmen deines Körpers. Sie helfen dabei, verborgene Ursachen für Müdigkeit, Infektanfälligkeit oder Leistungstiefs zu finden. Grundsätzlich unterscheiden Mediziner zwischen zwei Varianten:

  • Das kleine Blutbild: Gibt einen grundlegenden Überblick über die festen Bestandteile des Blutes (rote und weiße Blutkörperchen sowie die Blutplättchen).

  • Das große Blutbild: Beinhaltet das kleine Blutbild und schlüsselt zusätzlich die verschiedenen Untergruppen der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) detailliert auf.

Blutbild
Das Laborergebnis ist da, aber wie interpretiert man die Blutwerte richtig?

Beispiel: Erhöhter Glucosewert bei Katzen: Kein Grund zur Panik vor Diabetes

Gerade Katzenbesitzer erschrecken bei hohen Werten und gehen sofort von einem Diabetes aus, dabei steigt der Blutzucker bei Stress massiv an. Und welche Katze hat beim Tierarzt schon keinen Stress? Hier hilft nur der Fruktosaminwert weiter – nur wenn dieser Langzeitblutzuckerwert ebenfalls erhöht ist, sollten die Alarmglocken läuten.

Alleine dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, die biochemischen Zusammenhänge zu verstehen. Auch die individuellen Lebensumstände spielen eine entscheidende Rolle: Ein 15-jähriger Kater hat physiologisch andere Referenzwerte als ein junges Tier, und auch eine Hündin zeigt nach der Läufigkeit oft hormonell bedingte Abweichungen vom Normalstatus.

Schauen wir uns die wichtigsten Laborparameter in der Tiermedizin deshalb einmal genauer an.

Parameter im Blutbild richtig deuten

Leberwerte

Als zentrales Organ für den Abbau von Stoffwechselprodukten sowie Medikamenten und anderen Giftstoffen steht die Leber im Fokus des Organismus. Erhöhte Werte können (nicht müssen!) Hinweise für folgende Krankheiten sein:

  • Vergiftungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Leberzirrhose
  • Lebertumore
  • Diabetes mellitus
  • Pankreatits oder chronische Pankreasinsuffizienz
  • Gallenprobleme
  • Hepatitis
  • Fettleber bei übergewichtigen Patienten
  • oder auch Folgeerscheinungen von anderen Krankheiten wie der Schilddrüse

Alanin-Amonitransferase (ALT/GPT)

erhöht: Leberentzündungen, Zellveränderungen, Medikation (Cortison!), entzündlichen Erkrankungen allgemein, Fieber
erniedrigt: physiologisch bei Welpen

Aspartataminotransferase (AST/GOT)

erhöht: Allgemeine Lebererkrankungen, Myokardiopathien, Skelettmuskelerkrankungen
erniedrigt: nicht organspezifisch, vervollständigt das Bild bei anderen auffälligen Werten

Gamma-Glutamyl-Tansferase (GT/GGT/y-GT)

erhöht: Gallensteine, Tumor, Gallenstau allgemein
erniedrigt: bei Katzen kaum aussagekräftig, auch sonst sehr selten und als Begleitwert zu sehen

Glutamat-Dehydrogenase (GLDH)

erhöht: akute Lebererkrankungen, Pankreasentzündung, Dünndarmentzündung, Fieber, Kardiomyopathie
erniedrigt: kaum  aussagekräftig

Alkalische Phosphase (AP)

erhöht: Gallenflussstörung aufgrund Leberproblemen, Schilddrüsenüberfunktion, Tumor, Vergiftung
erniedrigt: kaum aussagekräftig, da nur innerhalb von max. sechs Stunden verwertbar, bei Welpen und während der Trächtigkeit physiologisch

Bilirubin

erhöht: Ikterus (Gelbsucht), Medikamente, verschiedene Lebererkrankungen
erniedrigt:  kaum vorhanden

Gallensäuren (GS)

Cave: Nur bei nüchterner Entnahme verwertbar!
erhöht:
Hepatitis, akute und chronische Lebererkrankungen
erniedrigt:  verzögerte Magenentleerung, Fasten, Aufnahmestörungen

Nierenwerte

Gerade bei Katzen solltest du Abweichungen bei den Nierenwerten ernst nehmen. Auch wenn die Werte „noch im Referenzbereich“ liegen, solltest du bei Werten im oberen Bereich aktiv etwas für die Nierengesundheit deiner Katze tun. Eine CNI ist bei Katzen eine der Haupttodesursachen.

Symmetrisches Dimethylarginin (SDMA)

Neuer Parameter der Nierenfrühdiagnostik. SDMA stammt aus dem Proteinabbau, wird nicht nennenswert verstoffwechselt und über die Niere ausgeschieden.
Der SDMA wird als erster Wert auffällig und sollte IMMER ernst genommen werden!

Harnstoff

erhöht: Blasensteine, Nierensteine, CNI, Verschluss der Harnwege, ABER: auch nach proteinreicher Fütterung in zeitlichem Zusammenhang, dann nicht aussagekräftig
erniedrigt:  nahezu unmöglich

Kreatinin (KREA/CREA)

erhöht: Niereninsuffizienz, Kreislaufproblematiken
erniedrigt: bei Kitten physiologisch, sonst kaum möglich

Gesamteiweiß (GP/TP)

erhöht: chronische und akute Entzündungen, Leukämie, Dehydration, diverse Infektionserkrankungen (z.B. FIP)
erniedrigt:  Eiweißmangelernährung, Aufnahmestörungen, Blutverlust

Kalium (Ka+)

erhöht: CNI, Harnabflussstörungen, Diabetes mel., Thrombosen, Medikamente, im Wachstum physiologisch
erniedrigt: Insuffizienz, Entwässerungstherapien

Natrium (Na+)

erhöht: Erbrechen und Durchfall, Dehydration
erniedrigt: Nierenerkrankungen, Magen-Darm-Störungen, Blutungen, Entwässerungstherapie, Herzinsuffizienz

Phosphat (P)

erhöht: CNI
erniedrigt: Anorexie, hepatische Lipidose, CNI

Calcium (Ca)

erhöht: CNI, Kalzium-Oxalatsteine, Tumore
erniedrigt:  CNI, Aufnahmestörungen, falsche Fütterung (Kalzium-Phosphor-Verhältnis)

Albumin (ALB)

erhöht: sehr selten, oft ein Messfehler, evtl. Dehydration, bei Welpen physiologisch
erniedrigt:  Nierenprobleme, Fasten, allgemeine Magen-Darmerkrankungen

Blutbilder
Ab sieben Jahren empfehle ich ein geriatrisches Blutbild, um rechtzeitig reagieren zu können.

Was unterscheidet das kleine vom großen Blutbild?

  • Das kleine Blutbild: Konzentriert sich auf die quantitativen Standardwerte der zellulären Blutbestandteile – also die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen.

  • Das große Blutbild: Erfasst zusätzlich das sogenannte Leukozyten-Differenzialblutbild. Das bedeutet: Die verschiedenen Untergruppen der weißen Blutkörperchen (wie Neutrophile, Lymphozyten oder Eosinophile) werden prozentual und absolut aufgeschlüsselt. Das ist entscheidend, um zwischen viralen und bakteriellen Infektionen, Allergien oder Parasitenbefall zu unterscheiden.

Die Kernbereiche des großen Blutbildes im Detail

Erythrozyten

erhöht: Dehydration, Schock, Erregung, teils rassebedingt
erniedrigt:  Anämie, bei Welpen oft physiologisch bei unauffälligen Allgemeinwerten

Thrombozyten

erhöht: Blutverlust, Entzündungen, Tumore, nach Operationen
erniedrigt: verminderte Produktion (Ursachen: Knochenmarksschädigung, Infektionen..), erhöhter Verbrauch (Blutungen, Immunreaktionen…)

Leukozyten

erhöht: bakterielle Infektionen, Lymphosarkom, Leukose
erniedrigt: virale Infektionskrankheiten, Sepsis, Blutbildungsstörungen allgemein, Salmonellenbefall, Allergie

Lymphozyten

erhöht: chronische Entzündungen, Leukose, bei Welpen oder im Stress physiologisch
erniedrigt: akute Infekte, chronischer Stress, Cushing, bei Kortisongaben

Monozyten

erhöht: chronishe Infekte, chronischer Stress, Cushing, bei Kortisongaben
erniedrigt: kaum möglich

Neutrophile Granulozyten

erhöht: Infektionskrankheiten (meist bakteriell), Anämie, Leukämie, Trächtigkeit und Säugezeit, Cushing, Stress, Kortisongaben, Medikamente
erniedrigt: Sepsis, Infektionskrankheiten (meist viral), Knochenmarksschädigungen

Eosenophile Granulozyten

erhöht: Allergien, Parasiten, felines Asthma, Addinson-Krankheit beim Hund
erniedrigt:  Chronischer Stress, Cushing, bei Cortisongaben

Basophile Granulozyten

erhöht: Leukämie, Herzwurm-Befall
erniedrigt: kaum möglich

Blutbild
Der SDMA Wert bei Katzen sollte ab einem Alter von fünf Jahren unbedingt kontrolliert werden.

Weitere Parameter im Blutbild bei Hund und Katze

Hämatokrit (HK) und Hämoglobulin (HB)

erhöht: Austrocknung, chronische Herzinsuffizienz, bösartige Knochenmarkstumore
erniedrigt: nach Blutverlust

Lactatdehydrogenase (LDH)

erhöht: Lebererkrankungen Muskelerkrankungen, Schock
erniedrigt: Orientalen haben physiologisch höhere Werte, ebenso nach Blutabnahmen

Lipase (LIP)

erhöht: Bauchspeicheldrüsenentzündung akut oder chronisch, Medikamente
erniedrigt:  unwahrscheinlich

Cholesterin (Chol)

Erhöhte Werte deuten bei Hund und Katzen nicht auf ein Herz-Kreislauf-Risiko hin!
erhöht: Diabetes mel., Gallenprobleme, Nierenprobleme, Kortisongaben
erniedrigt: unwahrscheinlich

Glucose (Gluc)

erhöht: Bei Katzen Stress-hier ist nur der Fructosaminwert aussagekräftig, Diabetes mel., Cushin, Medikamente
erniedrigt: meist Fehler bei der Blutentnahme

Fructosamin (Frusa)

erhöht: Diabetes mel.
erniedrigt:  meist Fehler bei der Blutentahme

Wichtiger Hinweis: Laborbefunde richtig aufbewahren und vergleichen

Alle Informationen in diesem Beitrag wurden nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt – sie ersetzen jedoch keinesfalls eine individuelle Diagnostik.

Aus meiner Praxiserfahrung rate ich meinen Patienten deshalb immer: Lass dir alle Laborbefunde und Berichte grundsätzlich schriftlich mitgeben und hebe sie sorgfältig auf.

Ein chronologisches Archiv deiner Tierarztunterlagen bietet dir entscheidende Vorteile:

  • Nahtlose Historie beim Tierarztwechsel: Du hast alle bisherigen Werte direkt zur Hand und musst nicht bei Null anfangen.

  • Wertvolle Verlaufskontrollen: Krankheitsverläufe, Therapieerfolge oder schleichende Veränderungen (wie bei Organwerten) lassen sich im direkten Vorher-Nachher-Vergleich viel schneller erkennen.

Alles Liebe

Susanne