Psychopharmaka für Tiere? Die Lösung für Angsthunde und andere Verhaltensprobleme?

Antidepressiva und Beruhigungsmittel für Hunde und Katzen

Angststörungen und andere Verhaltensprobleme bei Hunden und Katzen bringen Tierbesitzer schnell an die Grenzen der Belastbarkeit und die Psychopille verspricht hier eine vermeintlich schnelle Lösung. Das Geschäft boomt, in USA werden damit jährlich knapp 1,5 Mrd. Dollar umgesetzt.

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Willst du mit mir spielen oder tust du mir was?

Eins vorweg: Es gibt durchaus Indikationen, die das Verabreichen dieser Medikamente rechtfertigen und die Lebensqualität von Tier und Besitzer deutlich steigern.

Das große ABER: Diese Arzneien gehören in fachkundige Hände, auch wenn manche freiverkäuflich sind, wie beispielsweise L-Tryptophan.

Psychopharmaka für Tiere, meist sind es Humanpräparate

In den allermeisten Fällen wurden Human-Arzneimittel wie zum Beispiel „Prozac“ umgewidmet, neu dosiert und mit Fleischgeschmack versetzt. Diese sind jetzt unter Namen wie „Reconile“ für Tiere am Markt.

Angststörung – die häufigste Verhaltensstörung

Hier sollte erst einmal geklärt werden, wann ein Hund oder eine Katze „einfach ängstlich ist“ und ab wann man von einer pathologischen Störung sprechen kann.

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Viele Katzen wagen sich nur nachts, wenn alles ruhig ist aus ihrem Versteck.

Und es muss auch die Frage erlaubt sein: Ist das Tier wirklich krank oder es ist für den Besitzer „einfach“ nur kompliziert?

Woher kommen psychische Störungen bei Tieren?

Illegaler Welpenhandel, gewissenlose Vermehrer, Misshandlungen oder Animal Hording sind sehr oft der erste Schritt in diese Richtung. Die Welpen wurden viel zu früh von ihrer Mutter und den Wurfgeschwistern getrennt, in der Prägephase gab es viele negative Erlebnisse, wie z.B. stundenlange Fahrten im dunklen Kofferraum, bei denen nicht selten ein Teil der Tiere verstirbt. All das hinterlässt unauslöschliche Spuren in der Seele der jungen Hunde und Katzen.

Allgemein kann man sagen, dass ein Leben unter Dauerstress in den allermeisten Fällen zu psychischen Problemen bei Tieren führen wird.

Stress hat viele Gesichter

  • Zu frühe Trennung von Mutter und Wurfgeschwistern
  • Zu wenig Bewegung
  • Mangelversorgung
  • Zu wenig Platz
  • Zu viele Tiere auf engem Raum
  • Lärm und unruhige Umgebung
  • Schlafmangel
  • Schmerzen
  • Gesundheitliche Probleme verschiedenster Art
  • Misshandlungen und Gewalt
  • Überforderung
  • Unterforderung….

Hier müssen die Ursachen abgeschafft werden, der Griff zur Pille ist der falsche Weg!

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Die unterschiedlichen Psychopharmaka

Derzeit kommen im Tierbereich verschiedene Mittel zum Einsatz, allen gemein ist die Wirkung auf die Neurotransmitter (Botenstoffe) im Gehirn.

Benzodiazepine

Hierzu zählen Valium (Wirkstoff Diazepam) oder Tafil (Wirkstoff Alprazolam). Beide verstärken den Neurotransmitter GABA und wirken niedrig dosiert angstlösend und enthemmend, was sie für eine Angstaggression kontraindiziert macht. Hoch dosiert wirken sie eher einschläfernd bis sedierend.

Aufgrund des hohen Abhängigkeitspotentials sind sie für einen längeren Behandlungszeitraum ungeeignet.

Acepromazin

Bekannt als Sedalin, Ventraquil und Calmivet. Leider sind diese teils sogar rezeptfrei zu bekommen und das ist fatal, denn diese Mittel gehören in meinen Augen vom Markt!

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass diese Mittel die Tiere zwar äußerlich ruhig stellen, diese aber alle Reize und Ängste ganz real erleben. Sie sind mit ihrer Panik im eigenen Körper gefangen und nicht einmal in der Lage, sich zurückzuziehen.

Die allermeisten Tierärzte wissen das und nehmen von einer Verschreibung Abstand, aber manche superschlaue Tierbesitzer halten sich für klüger, weil es doch so toll wirkt und besorgen sich das Zeug übers Internet. Bei einigen Rassen wie den Orientalen unter den Katzen oder auch Boxern kann es zudem zu verstärkten Reaktionen bis hin zum Schock kommen. Finger weg von dem Zeug!

Trizyklische Antidepressiva

Erhältlich als Clomicalm. Dieses Mittel verstärkt die Wirkung vom Glückshormon Seretonin und wird vorallem bei Trennungsangst oder Lärm eingesetzt. Aber auch dieser Wirkstoff hat Nebenwirkungen wie Appetitverlust oder Apathie.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und MAO-Hemmer

Beide Wirkstoffe sorgen für einen höheren Serotoninspielel. Erhältlich sind sie unter dem Namen Seligian oder Reconcile.

Dies ist derzeit der Goldstandard bei den tierischen Psychopharmaka. Sie wirken gezielt auf die Serotonintransporter und hemmen den Abbau des Glückshomons. Außerdem sind sie deutlich besser verträglich. Allerdings braucht es minimum drei Wochen, bis die Wirkung eintritt.

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Aggression und Beißattacken können ein Tier schnell ins Tierheim bringen.

Die Droge im Futternapf – der neue „Trend“

Auch die Futterindustrie hat diese Einnahmequelle entdeckt und verpackt die Psychopharmaka für Tiere gleich direkt im Futter oder bietet sie als Nahrungsergänzung an. Das heißt dann auf Schlau: Diätetisches Stressmanangement.
Das Kleingedruckte liest fast niemand: Dieses Futter ist nicht ohne begleitende medizinische Behandlung einzusetzen.

Auch wenn die Drogen im Futternapf niedriger dosiert sind, als im realen Medikament, sie haben dort einfach nichts zu suchen! Es wird sogar noch vorgegaukelt, dass L-Tryptophan oder Alpha-Casozepin natürliche Stoffe und damit unbedenklich sind. Das Nahrungsergänzungsmittel Adaptil enthält GABA sogar in Reinform.

Den meisten Tierbesitzern ist nicht einmal klar, dass sie in den Hirnstoffwechsel ihrer Lieblinge eingreifen und damit oft mehr Schaden anrichten als Nutzen.

Wann machen Psychopillen für Tiere wirklich Sinn?

Schwer traumatisierte Tiere profitieren durchaus von richtig eingesetzter Medikation und diese schafft oft erst die Basis für eine vernünftige Verhaltenstherapie.

Auch bei extremen Verhaltensstörungen verschiedenster Bereiche kann man über über den Einsatz nachdenken, da das Mensch-Tier-Verhältnis hier sehr stark leidet und das Tier dann leider oft im Tierheim landet. Mit einem richtig eingesetzten Psychopharmaka kann man beiden Seiten etwas Luft verschaffen und der Ursache auf den Grund gehen.

Die Grenze zwischen Bequemlichkeit und Notwendigkeit ist leider oft fließend.

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Eine gezielte Medikation kann bei stark traumatisierten Tieren der erste Schritt in die Normalität sein.

Langzeitfolgen einer Psycho-Medikation

Neben manchmal paradoxen Verhaltensmustern – das Tier macht genau das Gegenteil von dem was es soll – greifen diese Medikamente auch in den Hormonhaushalt und das Immunsystem ein. Welche Folgeschäden hier entstehen ist noch nicht genau erforscht. Sicher ist jedoch, dass die Eingriffe in den Hirnstoffwechsel und das Manipulieren des Neurotransmitterhaushaltes Spuren hinterlassen. Gewünscht oder nicht, das lässt sich leider nicht vorher sagen.

Fazit zum Einsatz psychogener Medikamente bei Hund und Katze

  • Der Einsatz muss genau abgewogen werden
  • Alle Medikamente gehören in fachkundliche Hände
  • Keine Medikation ohne begleitende Verhaltenstherapie
  • Der Einsatz sollte zeitlich begrenzt sein
  • Die Medikamente dürfen nicht abrupt abgesetzt werden
  • Es sollte ein Verhaltenstagebuch geschrieben werden, um Muster zu erkennen

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Alternative Möglichkeiten bei Verhaltensstörungen

  • Ein guter Verhaltenstrainer, der sich mit diesen Störungen auskennt
  • Pheromone beruhigen die Tiere und erinnern an hoffentlich glückliche Welpentage
  • Homöopathie kann auch im psychischen Bereich Erstaunliches bewirken
  • Phytotherapeutika wie Baldrian oder Johanniskraut – aber auch hier solltest du dich beraten lassen
  • Bach-Blüten
  • Aromatherapie
  • Thundershirts haben vor allem bei Hunden gute Erfolge erzielt
  • Mutt Muffs – Kopfhörer, die bei Lärmphobien gute Dienste leisten

Ich wünsche dir und deinem Liebling eine un“gestörte“ Zeit und bin bei Fragen gern für euch da.

Liebe Grüße

Susanne